Erhard Thomas zu »Und jedes Wort ein Flügelschlag«

ICARUS | Ausgabe 1/2010

Und jedes Wort – ein Flügelschlag

Vor mir liegt ein Kompendium im Taschenbuchformat mit 111 Gedichten, die der Autor auf 163 Seiten zusammengefasst hat. Endlich. Beim Wenden des Büchleins stößt man auf die wie aus Wolken fallenden wenigen Worte »Poesie ist das Salz in der Suppe des Proleten«. Wiljo Heinen, der Verleger, hat sein Programm um eine interessante Variante mit den Gedichten von E. Rasmus bereichert. Die Gestaltung ist sehr gelungen. Die Friedenstaube fliegt, in der Spannbreite von »Jahresreigen & Natur« über »Empfindungen & Zweifel« bis zu »Ereignissen & Personen«. Sie erreicht zum Schluss die Zukunft, derer sie sich bereits erinnern kann. Der Begriff Flügelschlag beinhaltet Bewegung sowohl im Vorausdenken als auch im Nachdenken und darüber hinaus in der Überleitung zum Leben in solidarischen Gemeinschaften. Die aktuellen Gedichte halten das, was der Titel verspricht: »Und jedes Wort – ein Flügelschlag«. Im Klartext heißt das, progressive Lebenshaltung findet in der Kraft des Wortes ihr Echo, und Gedanken und Erkenntnisse werden buchstäblich in alle Himmelsrichtungen, überall hin, getragen.

 

Alle literarischen Nuancen sind enthalten: kämpferisch, hin und wieder melancholisch, ohne dass daraus Traurigkeit resultieren würde, überwiegend hoffnungsvoll, ohne ins Reich der Utopie abzugleiten, niemals beim Lesen, Nachdenken und Sinnieren resignierend. Wiederholt ertappt man sich als Leser bei einzelnen Gedichten, dass man sich – gewollt oder ungewollt – wiederfindet im Zustand des Nachdenkens, des Verweilens, des Grübelns.

Dem Autor ist es gelungen, seine politische Überzeugung mit Sachverstand, aus vollem Herzen, mit scharfer Zunge und spitzer Feder treffend zu charakterisieren, und damit alle Unebenheiten und Wirrnisse unserer gegenwärtigen Gesellschaft. E. Rasmus schreibt ehrlich, was ihn bewegt. Manche Gedichte mögen unterschiedlich interpretiert werden, doch in ihrer Aussage dulden sie keinen Zweifel an ihrer Menschlichkeit. Der gelernte Schriftsetzer bringt sein zutiefst humanistisches Anliegen aus der DDR für ein sinnerfülltes Leben im Einklang mit der Natur vor. Er lässt Friedrich Schiller und Nikolai Ostrowski vor einzelnen Kapiteln sprechen. Der Einzelne möge selbst urteilen. So mancher wird sich auch in den hiesigen vom Geld dominierten Zuständen wiederfinden, die wir als DDR-Bürger nicht kannten oder nur vom Hörensagen.

Es ist ein Kompendium der Dreieinigkeit aus hoch aktuellem gesellschaftlichen Aufklärungsanspruch, hohem Bildungswert und Unterhaltungsgehalt. Man erlebt Lyrik zur Stärkung des Lebens im Alltag. Schmerz bricht sich immer dann freie Bahn, wenn E. Rasmus die rückwärtsgewandte Gesellschaftsentwicklung vom Sozialismus zum Kapitalismus beschreibt. Der Gedichtband, Zeugnis und Denkmal, erinnert und mahnt die junge Generation. Ihr zeigt er den Weg, auf dem sie voranschreiten kann und auf dem sie das Ziel hoffentlich auch erreicht. Ein Lob dem Autor, der solche Haltung bewahrt. Heutzutage muss man lange suchen, um progressive Gegenwartslyrik auch gedruckt zu finden. Gratulation. Bleibt noch die Frage: Dichter, was hältst Du vom zukunftsweisenden Sinn der proletarischen Revolution, von der Umwälzung der Verhältnisse?

Schlussfolgernd aus dem Gelesenen glaube ich, er hält zu ihr, denn er ist kein Wendehals, kein Wackelhut. Das bezeugt auch die Vita E. Rasmus im Vorspann.

Als ehemaliger Universitätsdozent an der Charité, wo ich viele Doktoranden zur Promotion und zur Habilitation begleitete und ihre Leistungen zu bewerten hatte, weiß ich, wovon ich rede: Benotung »magna cum laude«.

Erhard Thomas

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