Leseempfehlung in »Leibniz intern« zu »Trotzki und Trotzkismus«

Leibniz intern | Ausgabe 53 vom 16. Januar 2012

(»Leibniz intern«  – Mitteilungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin)

»Trotzki im Überblick«

Leo Trotzki und die auf ihn zurückgehenden Strömungen werden in der historisch-politischen Debatte regelmäßig bemüht und zur Bekräftigung eigener Positionen herangezogen. Im krassen Gegensatz dazu stehen häufig die verfügbaren Kenntnisse seiner Biografie und seiner Arbeiten. Eine Übersicht über die zahlreiche Trotzki- und Trotzkismusliteratur zu gewinnen, ist in der Tat schwierig. Dazu kommen noch die von Anhängern wie Gegnern in Umlauf gebrachten Halbwahrheiten und Fälschungen. Die sowjetische Gesellschaftswissenschaft hat über Jahrzehnte wenig zur Aufklärung beitragen können. Trotzki war in den offiziellen Darstellungen Feind oder Unperson und der Trotzkismus eine parteifeindliche Strömung.

 

Herbert Meißner unternimmt das Wagnis, Biografie und Theorie »dieser politisch wie kulturell großartigen Figur des 20. Jahrhunderts« (S. 172) und deren Widersprüche in einer kompakten Abhandlung dem Leser nahe zu bringen. In elf – teilweise nochmals untergliederten – Kapiteln, ergänzt durch Vor- und Schlussbemerkungen präsentiert er einen fakten- und zitatenreichen Ausflug in die politische Geschichte und in theoretische Debatten. Dabei werden die Widersprüche und Fehldiagnosen Trotzkis nicht ausgespart. Immerhin hat sich Meißner »die Überwindung von Klischees« (S. 7) zum Ziel gestellt. Insgesamt ist ein sachliches Bild des legendenumwobenen Revolutionsführers und Konkurrenten Stalins entstanden. Wer nicht die mehrbändigen voluminösen Biografien internationaler Autoren sowie die zahlreichen Reflexionen über Trotzkismus lesen kann oder will, wird in der vorliegenden Darstellung fürs erste genügend Informationen und Anregungen für die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema finden. Meißner führt den Leser von Trotzkis Weg in die revolutionäre Bewegung, sein wechselndes Verhältnis zu Lenin über seine Rolle in der Oktoberrevolution und beim Aufbau der Roten Armee sowie den Etappen der Entstehung des Trotzkismus bis zur Erörterung der Hauptinhalte dieser Lehre, der Gründung der VI. Internationale und deren Entwicklung nach Trotzkis Tod.

In einem eigenen Kapitel wird Trotzkis Analyse des Stalinismus beleuchtet. Darin betont Meißner, dass »Trotzki sich im Unterschied zu vielen anderen Autoren nicht auf die Person Stalin oder das Problem des Personenkults beschränkt, sondern nach den sozialen und gesellschaftspolitischen Grundlagen diese Phänomens sucht« (S. 77). Eine Reflexion der bis in die Gegenwart reichenden internationalen Stalinismusdebatte unterbleibt jedoch – von einigen Andeutungen abgesehen. Da es sich hier um eine der umstrittenen Kernfragen handelt, hätte der Leser gern mehr erfahren. Der kurze Hinweis, dass Stalinismus in der linken Szene unterschiedlich interpretiert wird und keine der Interpretationen das »widersprüchliche Spektrum« der Entwicklung »des von Stalin dominierten Herrschaftssystems« abdeckt (S. 73/74), befriedigt nicht. Die Diskussion kann nicht verschoben werden bis eine wissenschaftlichen Maßstäben genügende umfassende Geschichte der KPdSU und der Sowjetunion erarbeitet ist. Auch die Beurteilung des Faschismus-Stalinismus-Vergleichs durch Trotzki könnte im Kontext des damaligen zeitgenössischen Diskussions- und Erkenntnisstandes vermutlich differenzierter ausfallen.

Die Existenz trotzkistischer Organisationen und den Nachhall der Ideen des Trotzkismus bis in die Gegenwart zu verfolgen, wird schon im Titel versprochen. Ob in diesem Zusammenhang aber über nahezu 20 Seiten eine Erörterung zur Programmdebatte der Partei DIE LINKE zwingend ist, darf bezweifelt werden, auch wenn sie sich als Verteidigung gegen trotzkistische Kritik versteht. Luci Redler avanciert auf diese Weise neben Trotzki, Lenin und Stalin zur meistzitierten Person. Dass sich der Leser die Herkunft mancher anderer wichtiger Zitate aus dem Text erschließen muss, hätte durch das Lektorat vermieden werden können, zumal die Mehrheit der Zitate und Verweise in der Regel mit Fußnoten korrekt belegt ist.

Jürgen Hofmann