Ihr Bestellzettel
| Gesamtsumme: | 0,00 EUR |
| Zum Warenkorb | |
Suche in Besprechungen
Besprechungen
- jW – Buchmesse Havanna – »Kuba hält Kurs«
- Paul B. Kleiser (SoZ) zu »Trotzki und Trotzkismus«
- Leseempfehlung in »Leibniz intern« zu »Trotzki und Trotzkismus«
- redblog zu »Das kleine Schwarzbuch …«
- Leserkommentare zu »Aber ich glaube an den Triumph der Wahrheit«
- Theodor Bergmann und Mario Keßler (ND) zu »Aber ich glaube an den Triumph der Wahrheit«
- Robert Steigerwald (UZ) zu »Trotzki und Trotzkismus«
Robert Steigerwald (UZ) zu »Trotzki und Trotzkismus«
Unsere Zeit | Artikel vom 6. Januar 2012
Trotzki und der Trotzkismus
Der »Sache« zuwenden
In früheren Zeiten meinten wir Anhänger Stalins, Trotzki und seine Truppen wollen den Sozialismus zerstören. Trotzki und seine Helfershelfer haben das stets bestritten. Es gehe ihnen, sagten sie, nur um die Bürokratie und ähnliche Entfremdungen des Sozialismus. Solche Orientierungen konterrevolutionärer Art gab es in der IV. Internationalen aber durchaus. (S. 106 f.) Dennoch: Wir wissen nun, dass den Sozialismus nicht Trotzki und die Trotzkisten, sondern Schüler und Anhänger Stalins - meinetwegen missratene Schüler und Anhänger - zur Strecke gebracht haben. Wir sollten also nicht mehr alle Schlachten der Vergangenheit erneut zu schlagen versuchen, sondern uns, soweit dies möglich ist den "Sachen" selbst zuwenden. Das erfordert, sich auch von Legenden zu verabschieden, die in den vergangenen Kämpfen entstanden - und die gelegentlich mal wieder hoch gespült werden. Ich habe zum Thema des Buches schon vor etwa fünfzehn Jahren einen Aufsatz "Trotzkismus ohne Legenden" in den "Marxistischen Blättern" veröffentlicht, danach meinten einige Genossen, ich liefe jetzt zu den Trotzkisten über - ist nicht geschehen!
Zur "Sache" selbst hat Herbert Meißner das Buch "Trotzki und Trotzkismus gestern und heute" vorgelegt.
Elf teils untergliederte Kapitel und eine Schlussbemerkung behandeln: Trotzkis Leben und Wirken, den "Trotzkismus", den Trotzkismus nach Trotzki, den Trotzkismus in Deutschland (da geht es ausführlicher um Trotzkismus im heutigen Berlin). Ein Namensregister erlaubt es, sich mit dem Personenkreis des Textes zu befassen. Also etwa mit dem von Meißner zu Recht sehr geschätzten Ernest Mandel. Einzelne Themen des Buches sind: Trotzki und der Rote Oktober, Trotzkis Verdienste bei der Gründung der Roten Armee, der theoretische und ideologische Hauptinhalt des Trotzkismus (S. 47 ff.). Natürlich Trotzki und der Stalinismus, dann die Gründung der IV. Internationale - (bei der Untersuchung dieses Komplexes macht Meißner auf innere Widersprüche dieser Internationale aufmerksam. Es gebe kein klares, alle Trotzkisten einigendes Konzept. (S. 117) Natürlich steht im Zentrum Trotzkis Konzept der Revolution in Permanenz. Darüber gibt es viele unzutreffende Vorstellungen. Meißner macht z. B. darauf aufmerksam (S. 49), dass das Thema Permanenz eben auch bei Lenin und Rosa Luxemburg behandelt wird (es findet sich aber erstmals in der "Ansprache an die Zentralbehörde des Bundes" von Karl Marx, 1850). Die eigentlichen Differenzen betreffen nicht diese Permanenz, nicht irgendwelche zeitliche Abfolgen und Rahmen, sondern die strategischen Orientierungen, die Bündniskonzeptionen in den verschiedenen Etappen der Revolution und dabei insbesondere die Frage, wie die Politik, bezogen auf die Bauern, zu gestalten sei. Der wesentliche Unterschied zwischen Trotzki und seinen Anhängern bestand darin, die Welt des Kapitalismus insgesamt als reif zur Revolution zu halten, während Stalin, als das Sowjetland allein in einer kapitalistischen Umwelt belassen blieb, die Dinge nüchtern betrachtend meinte, es komme - wenn das Land nicht in der Auseinandersetzung mit dem Imperialismus erliegen sollte - vor allem darauf an, den Sozialismus, in dieser Situation: Den Sozialismus in einem Land, mit einer starken industriellen Basis zu errichten. (S. 55 ff.) Das wurde im wahrsten Sinn des Wortes "ohne Rücksicht auf Verluste" angegangen. Diese Verluste waren gewaltig! Doch nur darum, weil dieser materielle Aufbau gelungen ist, konnte die Sowjetunion der Nazi-Barbarei standhalten und sie zerschlagen. Aber, das war die Kritik des Trotzkismus: Dies erfolgte mit Mitteln und Methoden, die zu den Entfremdungen des Sozialismus führen mussten. Dass es dazu kam, kann man nicht leugnen, doch dass dies nicht so sein musste, dass dies auch mit anderen Mitteln und Methoden hätte geschehen können, davon bin ich überzeugt.
Gelegentlich findet man bei Trotzkisten den "Mythos" von der Gleichheit des Faschismus und der Sowjetunion (S. 86). Oder die DDR wird von Berliner Trotzkisten (ihre dortige Organisation, die SAV, ist wohl die derzeit stärkste trotzkistische Organisation in Deutschland) ganz im Stile mancher bundesdeutscher Journale bewertet. Verunglimpfungen hoch verdienter Genossen (etwa Dimitroffs - S. 8 ff. - und Thälmanns S. 142) widersprechen marxistischer Beurteilung solcher Genossen. Es gibt eine ausführlichere Kritik an der Linkspartei, an ihrem neuen Programm. Ausführlich geht Meißner den "theoretischen Irrtümern" und auch manchem Zwiespältigen in den Orientierungen Trotzkis nach (S. 97 f.)
Ein solches Buch darf nicht beim Historischen stehen bleiben, darum stellt Meißner mit Recht den Sozialisten aller Variation von heute die Aufgabe: Sucht nach gemeinsamen Mittel und Wegen zur Überwindung des Kapitalismus. Nun ja, was Meißner da fordert, meinen ja wohl alle Sozialisten und Kommunisten auf ähnliche oder gleiche Weise, nur suchen sie noch nach dem "Stein der Weisen", um den herum sich alle versammeln und zum Kampf rüsten könnten.
Robert Steigerwald

